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Endocannabinoid-System einfach erklärt – Aufbau, Funktion und wie CBD ansetzt

  • 28. Juli
  • 7 Min. Lesezeit
Endocannabinoid System

Das Endocannabinoid-System, kurz ECS, ist ein körpereigenes Signalsystem aus drei Bausteinen: Rezeptoren, körpereigenen Botenstoffen und Enzymen. Seine Aufgabe ist Regulierung – es hält Prozesse wie Schmerzempfinden, Schlaf, Appetit, Stimmung und Immunantwort in einem stabilen Bereich.

 

Der Name führt in die Irre: Das System heisst so, weil es über die Cannabisforschung entdeckt wurde, nicht weil es etwas mit Cannabis zu tun hätte. Es existiert bei allen Wirbeltieren und arbeitet unabhängig davon, ob jemals eine Hanfpflanze in der Nähe war.

 

Die drei Bausteine

 

Baustein

Was es ist

Beispiele

Rezeptoren

Andockstellen auf Zelloberflächen, die Signale empfangen

CB1, CB2

Endocannabinoide

Botenstoffe, die der Körper selbst herstellt

Anandamid (AEA), 2-Arachidonoylglycerol (2-AG)

Enzyme

Bauen die Botenstoffe auf und wieder ab

FAAH, MAGL, NAPE-PLD, DAGL

 

Alle drei zusammen ergeben ein System, das nicht dauerhaft läuft, sondern bei Bedarf anspringt und danach sofort wieder abgeschaltet wird. Diese Kurzlebigkeit ist kein Nebeneffekt, sondern der Kern seiner Funktionsweise.

 

Die Rezeptoren: CB1 und CB2

 

Es gibt zwei gut charakterisierte Cannabinoid-Rezeptoren. Beide gehören zur Familie der G-Protein-gekoppelten Rezeptoren, sitzen aber an sehr unterschiedlichen Orten.

 


CB1

CB2

Hauptvorkommen

Nervensystem, vor allem Gehirn

Immunsystem und periphere Gewebe

Konkrete Orte

Hippocampus, Kleinhirn, Basalganglien, Hypothalamus

Milz, Immunzellen, Knochengewebe

Auch vorhanden in

Leber, Magen-Darm-Trakt, Fettgewebe, Skelettmuskel

Haut, Darm

Beteiligt an

Gedächtnis, Bewegungssteuerung, Appetit, Schmerzverarbeitung

Entzündungsreaktion, Immunantwort

Bindet THC?

Ja, als Teilagonist – daraus entsteht die berauschende Wirkung

Ja, ohne berauschenden Effekt

Erstmals kloniert

1990

1993

 

CB1 gehört zu den häufigsten Rezeptoren im Gehirn überhaupt. Das erklärt, warum ein Eingriff in dieses System so viele verschiedene Prozesse gleichzeitig berühren kann.

 

Die körpereigenen Botenstoffe

 

Endocannabinoide sind Fettmoleküle. Anders als die meisten Botenstoffe werden sie nicht in Bläschen gespeichert und bei Bedarf ausgeschüttet, sondern erst im Moment des Bedarfs aus Bestandteilen der Zellmembran hergestellt.

 


Anandamid (AEA)

2-Arachidonoylglycerol (2-AG)

Entdeckt

1992

1995

Namensherkunft

von «ananda», Sanskrit für Glückseligkeit

chemische Bezeichnung

Konzentration im Gewebe

niedrig

deutlich höher

Wirkung an CB1

Teilagonist

Vollagonist

Abbauendes Enzym

FAAH

MAGL

Aufbauendes Enzym

NAPE-PLD

DAGL alpha und beta

 

Der Name Anandamid hat für viel Verwirrung gesorgt. Es ist kein Glücksmolekül und keine körpereigene Droge, sondern ein Regulator wie andere auch – der Name geht auf eine poetische Entscheidung der Entdecker zurück, nicht auf seine Funktion.

 

Die Enzyme

 

Die Enzyme bestimmen, wie lange ein Signal anhält. Wird das abbauende Enzym gehemmt, bleibt der Botenstoff länger aktiv – das ist einer der Ansatzpunkte, an denen die pharmakologische Forschung derzeit arbeitet.

 

Enzym

Aufgabe

Wirkt auf

Warum relevant

FAAH

Abbau

Anandamid

Menschen mit genetisch verringerter FAAH-Aktivität haben höhere Anandamid-Spiegel

MAGL

Abbau

2-AG

Hemmung wird als Forschungsansatz untersucht

NAPE-PLD

Aufbau

Anandamid

bestimmt, wie schnell nachproduziert wird

DAGL

Aufbau

2-AG

wird durch Stress und Entzündung beeinflusst

 

Wie das System arbeitet – rückwärts und auf Abruf

 

Hier liegt der Punkt, den die meisten Darstellungen auslassen, obwohl er das Besondere am ECS ausmacht: Es funktioniert in die entgegengesetzte Richtung zu fast allen anderen Botenstoffsystemen.

 

Normalerweise sendet die vorgeschaltete Nervenzelle ein Signal an die nachgeschaltete. Beim Endocannabinoid-System ist es umgekehrt. Die empfangende Zelle stellt fest, dass sie zu stark stimuliert wird, produziert daraufhin Endocannabinoide und schickt diese zurück an die sendende Zelle. Dort docken sie an CB1 an und drosseln die weitere Signalabgabe.

 

Fachlich heisst das retrograde Signalübertragung. Praktisch bedeutet es: Das ECS ist kein Antriebssystem, sondern ein Bremssystem. Es greift ein, wenn etwas aus dem Ruder läuft, und zwar genau dort, wo es aus dem Ruder läuft.

 

Schritt

Was passiert

1

Die empfangende Nervenzelle wird stark stimuliert

2

Sie stellt aus ihrer Zellmembran Endocannabinoide her – erst jetzt, nicht auf Vorrat

3

Diese wandern zurück zur sendenden Zelle

4

Dort binden sie an CB1 und reduzieren die Ausschüttung weiterer Botenstoffe

5

Die Enzyme bauen die Endocannabinoide innerhalb kurzer Zeit wieder ab

6

Das Signal ist beendet, das System steht für den nächsten Bedarf bereit

 

Wie THC und CBD ins System eingreifen

 

Pflanzliche Cannabinoide ähneln den körpereigenen chemisch genug, um mit demselben System zu interagieren. Wie sie das tun, unterscheidet sich allerdings grundlegend – und hier steht in vielen Quellen etwas Falsches.

 


THC

CBD

Bindung an CB1

bindet direkt als Teilagonist

bindet kaum direkt

Wirkungsweise

aktiviert den Rezeptor

moduliert ihn indirekt, wird als negativer allosterischer Modulator beschrieben

Berauschend

ja

nein

Weitere Ansatzpunkte

CB2

TRPV1, 5-HT1A, GPR55, PPAR-gamma

Einfluss auf Enzyme

gering

Hemmung des Anandamid-Abbaus wird diskutiert

Wirkung bei Kombination

stärker allein

kann die THC-Wirkung dämpfen

 

Der wichtigste Satz dazu: CBD dockt nicht einfach an CB1 an. Diese Verkürzung findet sich in unzähligen Produktbeschreibungen, ist aber falsch. CBD hat eine sehr geringe direkte Bindungsaffinität zu CB1 und CB2. Seine Effekte entstehen überwiegend über andere Wege – über die Modulation des Rezeptors, über Enzyme und über Rezeptoren, die gar nicht zum Cannabinoid-System gehören.

 

Der ausführliche Vergleich der beiden Substanzen steht im Beitrag Unterschied zwischen THC und CBD. Warum CBD nicht berauschend wirkt, erklärt der Beitrag Enthält CBD psychoaktive Stoffe.

 

Wie das System entdeckt wurde

 

Die Entdeckungsgeschichte ist kurz – das ECS ist ein junges Forschungsfeld. Zwischen dem ersten Rezeptorfund und der Beschreibung des zweiten Botenstoffs lagen keine zehn Jahre.

 

Jahr

Was geschah

Bedeutung

1964

THC wird isoliert und strukturell beschrieben

Ausgangspunkt der modernen Cannabisforschung

1988

Bindungsstellen für Cannabinoide im Gehirn nachgewiesen

Erster Hinweis, dass es einen körpereigenen Mechanismus geben muss

1990

CB1-Rezeptor kloniert

Der Mechanismus ist molekular identifiziert

1992

Anandamid entdeckt

Der Körper stellt eigene Cannabinoide her

1993

CB2-Rezeptor kloniert

Das System reicht über das Nervensystem hinaus

1995

2-AG identifiziert

Zweiter, mengenmässig dominanter Botenstoff

ab 2000

Enzyme und weitere Rezeptoren charakterisiert

Das Bild wird komplexer statt einfacher

 

Zum Vergleich: Das Serotonin-System wird seit den 1950er-Jahren erforscht. Beim ECS steht die Forschung entsprechend früher – das ist bei jeder Aussage über gesundheitliche Zusammenhänge mitzudenken.

 

Der «klinische Endocannabinoid-Mangel» – eine Hypothese

 

In vielen Texten liest man, ein Mangel an körpereigenen Cannabinoiden sei die Ursache für Migräne, Reizdarm oder Fibromyalgie. Diese Idee stammt aus einer 2004 formulierten und 2016 überarbeiteten Hypothese.

 

Der Status ist wichtig: Es handelt sich um eine Hypothese, nicht um einen etablierten Befund. Es gibt keinen Standardtest, mit dem sich ein solcher Mangel messen liesse, und keine anerkannte Diagnose. Die Hypothese ist interessant und wird untersucht – als Erklärung für Beschwerden oder gar als Verkaufsargument taugt sie nicht.

 

Wer im Netz auf Aussagen wie «Sie haben wahrscheinlich einen Endocannabinoid-Mangel» stösst, sollte das entsprechend einordnen.

 

Häufige Missverständnisse

 

Aussage

Status

Richtig ist

«CBD dockt an CB1 und CB2 an»

falsch

CBD bindet dort kaum direkt und wirkt überwiegend über andere Wege

«Das ECS reagiert auf Cannabis»

irreführend

Das System existiert unabhängig davon; Cannabis greift nur zufällig passend ein

«Anandamid ist das Glückshormon»

falsch

Es ist ein Regulator; der Name geht auf die Entdecker zurück, nicht auf die Funktion

«Jeder Mensch hat einen ECS-Mangel»

unbelegt

Der klinische Endocannabinoid-Mangel ist eine Hypothese ohne Messverfahren

«CB2 sitzt nur im Immunsystem»

vereinfacht

Der Schwerpunkt liegt dort, CB2 kommt aber auch in anderen Geweben vor

«Das ECS kann man mit Produkten auffüllen»

falsch

Es ist ein Regulationssystem, kein Speicher

«Nur Cannabis wirkt auf das ECS»

falsch

Auch Bewegung, Ernährung und Schlaf beeinflussen endogene Cannabinoidspiegel

 

Warum Menschen so unterschiedlich auf CBD reagieren, hängt unter anderem mit der individuellen Ausstattung dieses Systems zusammen – dazu gibt es den Beitrag Warum wirkt CBD bei mir nicht.

 

Andere Cannabinoide und das ECS

 

CBD und THC sind nicht die einzigen pflanzlichen Cannabinoide, die mit diesem System interagieren. Einen Überblick gibt der Beitrag zu den Cannabinoiden; einzeln behandelt werden CBG, CBN und CBC.

Dazu kommen die Terpene, die das Zusammenspiel beeinflussen – beschrieben im Beitrag zum Entourage-Effekt und den Terpenen. Welche Extraktform welche Begleitstoffe enthält, erklärt der Vergleich von Vollspektrum, Broad Spectrum und Isolat.

 

Warum das ECS für die Praxis relevant ist

 

Zwei Punkte aus diesem Wissen haben unmittelbare Konsequenzen.

 

Erstens die Wechselwirkungen. Weil CBD über Leberenzyme abgebaut wird, die auch für viele Arzneimittel zuständig sind, kann die gleichzeitige Einnahme den Spiegel dieser Medikamente verändern. Das hat mit dem ECS selbst nichts zu tun, gehört aber zum Gesamtbild.

Zweitens die individuelle Verschiedenheit. Rezeptordichte und Enzymaktivität unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Das ist der plausibelste Grund dafür, warum zwei Personen dieselbe Menge einnehmen und Unterschiedliches beschreiben.

 

Zu den Wechselwirkungen gibt es den Beitrag CBD Wechselwirkungen mit Medikamenten. Ob CBD abhängig machen kann, behandelt der Beitrag Macht CBD abhängig.

 

Rechtlicher Hinweis

 

Dieser Beitrag beschreibt physiologische Grundlagen und den Stand der Forschung. Er trifft keine Aussagen über gesundheitliche Wirkungen einzelner Produkte. CBD-Produkte sind in der Schweiz keine Arzneimittel und dürfen nicht als solche beworben werden.

Den rechtlichen Rahmen fasst der Beitrag CBD legal in der Schweiz zusammen.

 

Häufige Fragen

 

Was ist das Endocannabinoid-System?

Das Endocannabinoid-System ist ein körpereigenes Signalsystem aus Rezeptoren, selbst hergestellten Botenstoffen und Enzymen. Es reguliert unter anderem Schmerzempfinden, Schlaf, Appetit, Stimmung und Immunantwort und hält diese Prozesse in einem stabilen Bereich.

 

Wo sitzen CB1- und CB2-Rezeptoren?

CB1-Rezeptoren finden sich überwiegend im Nervensystem, vor allem im Gehirn, daneben auch in Leber, Verdauungstrakt und Muskulatur. CB2-Rezeptoren sitzen hauptsächlich auf Immunzellen sowie in Milz und Knochengewebe.

 

Bindet CBD an die Cannabinoid-Rezeptoren?

Nur sehr schwach. Anders als THC hat CBD eine geringe direkte Bindungsaffinität zu CB1 und CB2. Es wirkt überwiegend indirekt, indem es den CB1-Rezeptor moduliert und an anderen Rezeptoren wie TRPV1 und 5-HT1A ansetzt.

 

Was sind Anandamid und 2-AG?

Das sind die beiden wichtigsten körpereigenen Cannabinoide. Anandamid wurde 1992 entdeckt, 2-AG 1995. Beide werden nicht gespeichert, sondern bei Bedarf aus Bestandteilen der Zellmembran hergestellt und danach rasch wieder abgebaut.

 

Gibt es einen Endocannabinoid-Mangel?

Der sogenannte klinische Endocannabinoid-Mangel ist eine wissenschaftliche Hypothese, kein gesicherter Befund. Es gibt kein anerkanntes Messverfahren und keine etablierte Diagnose.

 

Haben Tiere auch ein Endocannabinoid-System?

Ja. Das System kommt bei allen Wirbeltieren vor und ist evolutionär sehr alt. Der CB1-Rezeptor ist bei Säugetieren über die Arten hinweg nahezu identisch aufgebaut.

 

Quellen

 

Matsuda L.A. et al. (1990): Structure of a cannabinoid receptor and functional expression of the cloned cDNA. Nature 346:561–564. DOI 10.1038/346561a0

Devane W.A. et al. (1992): Isolation and structure of a brain constituent that binds to the cannabinoid receptor. Science 258:1946–1949. DOI 10.1126/science.1470919

Munro S., Thomas K.L., Abu-Shaar M. (1993): Molecular characterization of a peripheral receptor for cannabinoids. Nature 365:61–65. DOI 10.1038/365061a0

Mechoulam R. et al. (1995): Identification of an endogenous 2-monoglyceride, present in canine gut, that binds to cannabinoid receptors. Biochemical Pharmacology 50:83–90. DOI 10.1016/0006-2952(95)00109-D

Pertwee R.G. et al. (2010): International Union of Basic and Clinical Pharmacology LXXIX – Cannabinoid receptors and their ligands: beyond CB1 and CB2. Pharmacological Reviews 62:588–631. DOI 10.1124/pr.110.003004

Lu H.-C., Mackie K. (2016): An Introduction to the Endogenous Cannabinoid System. Biological Psychiatry 79(7):516–525. DOI 10.1016/j.biopsych.2015.07.028

Zou S., Kumar U. (2018): Cannabinoid Receptors and the Endocannabinoid System – Signaling and Function in the Central Nervous System. International Journal of Molecular Sciences 19(3):833. DOI 10.3390/ijms19030833

Laprairie R.B. et al. (2015): Cannabidiol is a negative allosteric modulator of the cannabinoid CB1 receptor. British Journal of Pharmacology 172(20):4790–4805. DOI 10.1111/bph.13250

Russo E.B. (2016): Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered. Cannabis and Cannabinoid Research 1(1):154–165. DOI 10.1089/can.2016.0009

 

Weitere Beiträge zur Forschungslage stehen in unserer Übersicht zu CBD Studien.

 

 

Was daraus für die Anwendung folgt, steht im Guide zu CBD Wirkung und Anwendungsgebieten. Unser Sortiment findest du unter CBD Öl und im CBD Shop.

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